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Ich war pilgern. Eine Reise zu mir selbst.

Sonntag, 14.7.2019, 09:31 Uhr. Das iPhone weckt mich. Schlummern „ein“. 8 Minuten später, erneut. Flugmodus „aus“. Bing-bing-bing (WhatsApp). Bi-bi-bi-bi-bi-bing (iMessage). Dong-Dong-Dong-Do-do-do-do-do-dong (Mail). Ding-Ding-Ding-Ding-Di-di-Ding (Messenger). Mein Hirn schüttelt Tonnen Cortisol aus.

Ich dreh mich zur Seite. Die rechte Hand zum iPhone. Mit dem natürlichen Fokus-Mode (linkes Auge zu) versuche ich einen Überblick im Notification-Jungle zu bekommen. Tennis ist abgesagt. Wetter scheiße. Auch gut. Wird sich schon was anderes ergeben. Ich dreh mich wieder um. iPhone läutet. Echt jetzt? Sonntag um 09:44 Uhr? Mein Hirn schüttet gefühlt nochmals 2 Tonnen Cortisol aus. Nummer kenn ich nicht. Ich beschließe binnen Sekunden bereits einen Tag früher mit dem Granitpilgern zu starten. Ich springe auf. Kurze kalte Dusche. Rucksack gepackt. 5 Sachen für 4 Tage. Schwere Wanderschuhe. Leichte Sportschuhe. Lange Hose. Kurze Hose. Badehose. Ladegerät für das iPhone. Warte. Nein. Das Ding bleibt daheim. Flugmodus „ein“. Der Beginn einer Reise.

Granitpilgern Backshot

Urfahr.

Ich gehe zu Fuß nach Urfahr. Noch kurz die Kamera in der Agentur abholen. Wo fährt jetzt der Bus weg? Und vor allem — wann? Keine Ahnung. Ich gehe zum Mühlkreisbahnhof. Dort sitzt ein Schaffner auf der Bank und glotzt in sein Tablet. Eine laute tiefe Stimme erzählt ihm etwas über Politik.

„Entschuldigung ... wie komm ich am besten noch Sankt Martin?“
„Sankt Martin? I kenn ka Haltestelle Sankt Martin.“
„Hmm ... Ok. Einmal kein Handy dabei, steh i glei an.“

— Er schließt seine App am Tablet und öffnet die ÖBB App —

„Na schau ma ... Wo wollens hin?“
„Nach Sankt Martin“ (er tippt ...)
„Ok. Sankt Martin bei Traun oder?
„Nein. Mühlkreis.“
„Ah. Ok.“
„Um 13:20 Uhr geht ein Bus. 321. Vom Hinsenkampplatz.“
„Und wo is der? Hab i noch nie ghört ...“
„Keine Ahnung. Wir scho irgendwo do sein.“
„Ok, danke jedenfalls. Werd i schon finden - wiederschaun!“
„Wiederschaun."

Der Hinsenkampplatz ist beim AEC. Logisch. Denken. Macht sonst das iPhone. Um 11:50 Uhr war ich am Hinsenkampplatz. Noch 1 Stunde 30 Minuten zu warten. Hinsitzen. Warten. Denken. Schauen. Rechts. Links. Geradeaus. Wolkenbruch. Regen. Regen. Regen. Warten. Schauen. Links. Rechts. Geradeaus. Bus kommt. Einsteigen.

Die Busfahrt.

Der Bus ist fast leer. 5 Personen. Mit mir. Das monotone Geräusch des Busses macht mich müde. Fällt sonst ja nicht auf. Mit Earpods in den Ohren. Auf einmal setzt sich eine Frau mittleren Alters auf die Nebenbank.

„Ma! Haums des gseng! Da Buschauffeur telefoniert mit dem Handy!!!“
„Ja, stimmt. Hat aber grod wieder aufghört oda?“
„Na! Schauns! Der telefoniert scho wieder! I schick schnö a Stoßgebet ab damit jo nix passiert ... muss oba jetzt eh aussteigen ... ma! Jetzt bleibt er ned amal stehen weil er ... na jetzt hod ers checkt. Ma i wünsch Ihnen des beste ... hoffentlich passiert Ihna nix ...“

Granitpilgern.

Links. Rechts. Links. Rechts. Einatmen. Grillenzirpen. Ausatmen. Heuschrecken springen. Tausende. Ich bleibe stehen. Keine Heuschrecken. Ich mache einen Schritt. Hunderte. Güterweg. Keine Autos. Sonnenschein. Das Gewand trocknet. Goldene Strohfelder. Tiefgrüne Kukuruzfelder. Ein alter kleiner Bauernhof. Eine alte Schafsbäuerin.

„Grias di!“
„Grias di!“
„Derf i a Büdl von deine Schof mochn?“
„Frali! Hom eh nur gwoat auf di!“
„Ha! Hob mas eh docht!“
„Do schauts hin! Dort kimmts Vogal!
„Danke goi und schen Tog nu!“
„Pfiat di!“

Gedanken.

Gedanken kommen. Gedanken gehen. Ziehen vorbei. Einfangen. Denken. Reflektieren. Loslassen. Über Herausforderungen. Über die Firma. Über Freunde. Über Familie. Über die Liebe. Wolkenbruch. Gewaltig. Nass. Schweiß und Regen. Vermischen sich. Tropfen strömen. Über die Beine. In die schweren Wanderschuhe. Der Weg ist steil. Rutschig. Einatmen. Konzentration. Ausatmen. Gedankenlos.

Granitpilgern Baeume

Mühltalhof.

Ankommen. Eintauchen. In die Mühl. Schwimmen im Kalt. Traumhaftes Essen. Genießen. Sein. Die Seele baumeln lassen. Gedanken kommen. Gedanken gehen. Dabei auf die Mühl schauen. Sauna. Entspannen. Schauen. Schwimmen. Und wieder von vorne. Tun was man will. Ein Gespräch mit Philip. Über seine aktuellen Pläne. Seine Boy Band. Sein neues Projekt.

Büro Neufelden.

Kurzbesuch im Büro. Neufelden. Ich mag das Büro. Ich mag alle Büros. Jedes anders und doch so gleich.

„Hö, wos tuast denn du do?“
„Jo waundan - Granitpilgern.“
„Wos waundan? Den gaunzn Weg oda wos???“
„Jo, die 90km hoid.“
„Na ... ned wirkli. I würd sterbn! Ois mit die Fias! Do geht‘s jo aufi und owi ... na ... für wos gibt‘s denn Autos ...“
— Dialog mit Katl aus Neufelden.

Granitpilgern Büro Neufelden 2
Granitpilgern Büro Neufelden 1

Am Weg.

„Grias di!“
„Grias di!“
„Gehst leicht den Pilgerweg?“
„Ja, genau.“
„Wo kimmst her - wo gehst hi?“
„Neufelden - Haslach“
„Host eh no guad Meta z‘mocha“
„Jo eh, wos dad i denn sunst ...“
— Dialog mit einem 90-Jährigen jungen Mann.

Granitpilgern Am Weg

1 Seidl. 2 Zirbal. 3 Raffaello. 1 Traum.

Dritter Tag, 10:33 Uhr. Ohne Worte.

„Geht‘s eh?“
„Bitte?“
„Geht‘s eh?!“
„Asso. Jo sicha! Schau i leicht scho so fertig aus?“
„Hob ma docht i frog anfoch ...“
— Dialog mit einem jungen Autofahrer. An seinem Schlüsselbund hängt ein Rot-Kreuz-Anhänger.

Vieböck Leinen — Helfenberg.

Vieböck ist schon lange Kunde bei uns. Und doch ganz neu. Neu? Weil der Junior langsam in das Unternehmen rein wächst. Ich bin bekennender Vieböck-Fan. Christoph ist super sympathisch. Die Produkte ehrlich. Hochwertig. Nachhaltig produziert. Händische Qualitätskontrollen. Hochwertiger Leinen aus Frankreich, Belgien und Holland. Versponnen in Italien. Die Produktion sehr spannend. Die jüngste Maschine aus 1989. Tun, was Veränderung ist. Neue Wege gehen. Abseits bereits befahrener. Good Luck, Christoph & Team.

Granitpilgern Vieböck

Rückenschmerzen.

Mein altes Leiden. Rückenschmerzen. Zu viel Gewicht. Zu lange auf den Schultern. Ich entschließe mich, die zweite Hälfte nur mit dem Nötigsten zu gehen. Das Gemeindeamt Helfenberg passt in der Zwischenzeit auf meinen Rucksack auf.

„Derf i mein Rucksock bei eich lossn?“
„Wos, wieso?“
„Zu schwer. Rückenschmerzen. Altes Leiden.“
„Hö. Schaut goa ned schwer aus!“
„Heb a moi! Hod hoibwegs a Gwicht!
„Boa. Siagt ma earm goa ned au!“
„ I hoi earm am Donnastog wenn des passt!“
„Passt guad, bis daun!“

Die zweite Hälfte ist zwar ohne Rucksack, dafür mit Blasen an den Fußsohlen. „I würd sterbn! Ois mit de Fias!“ — sagte Katl. Daran erinnere ich mich mehrmals. Die letzten 45km. Die Strecke ist wunderbar. Gedankenlosigkeit setzt ein. Ich höre mich atmen. Einen Fuß vor den anderen. Leicht humpelnd. Bis Sankt Martin wieder zu sehen ist.

Granitpilgern Binkerl

4 Tage. 10 Gemeinden. 90 Kilometer. 1000 Gedanken. 1 Erkenntnis.

Ich habe in 4 Tagen nichts verpasst. Nichts auf Instagram. Nichts auf Facebook. Nichts auf Slack. Nichts auf ORF. Keine wichtigen Anrufe. Nichts schlimmes ist passiert. Die Welt dreht sich. Alles ist genau so gut/schlecht wie 4 Tage zuvor. Eines hätte ich allerdings verpasst, hätte ich das iPhone nicht im Flugmodus am Nachkästchen liegen gelassen: Eine Reise zu mir selbst.

Danke.